Gewiss ist Ihnen in Ihrem Lehrerleben schon das ein oder andere Kind mit einer Lernstörung wie einer Legasthenie oder einer Dyskalkulie begegnet. Die ersten Fragen sind dann häufig, wie kann das Kind denn nun schreiben, lesen, rechnen lernen? Wie funktioniert gute Förderung, wie können wir diese überhaupt an unserer Schule umsetzen? Und dann natürlich noch die vielen offenen Fragen zum LRS-Erlass: welche Nachteilsausgleiche gibt es? Wie lange wende ich welche Maßnahmen an?

Und das alles neben dem „normalen Unterricht“ und häufig 29 weiteren Kindern mit eigenen Schwierigkeiten und Bedürfnissen. Da bleibt oftmals ein dennoch wichtig Thema unerkannt: die sekundäre Symptomatik, die Kinder mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie in vielen Fällen zusätzlich entwickeln.

Studie belegt: Kinder sind ängstlicher, depressiver, unmotivierter

Eine deutsche Studie um die Wissenschaftlerin Anne Fischbach (2010) untersuchte 318 Grundschulkinder mit einer diagnostizierten Legasthenie und/oder Dyskalkulie in den Bereichen emotionale Auffälligkeiten, schulische Motivation, akademisches Selbstkonzept und weiteren Verhaltensauffälligkeiten. In allen diesen Bereichen wurden signifikante Auffälligkeiten nachgewiesen. Am deutlichsten zeigte sich das in Form von erhöhter Ängstlichkeit, depressiven Tendenzen und sozialer Zurückgezogenheit.

Zudem zeigten die Kinder ein geringes schulisches Selbstkonzept, sie erlebten ihr eigenes Handeln als wenig wirksam und entwickelten daraus eine geringere schulische Leistungsmotivation.

Internationale Studien sprechen von einem bis vierfach erhöhtem Risiko an einer Angststörung zu erkranken, wenn gleichzeitig eine Legasthenie vorliegt. Für Dyskalkulie sind die Zahlen ganz ähnlich.

Lernen unter Angst = kein Lernzuwachs

Andere neuropsychologische Studien weisen nach, wie sehr Angst und Stresserleben das Lernen negativ beeinflussen: Lernen unter Angst führt zu fragilen Zuwächsen an Wissen und Kompetenz. Die neu angelegten synaptischen Verbindungen sind nicht von Dauer und der Lernerfolg somit hinfällig.

Das sind bei Weitem keine hoffnungsfrohen Nachrichten! Was also tun? Wir haben eine kleine Sammlung an Tipps zusammen gestellt, die Ihnen weiterhelfen können , wenn Sie ein Kind in Ihrer Klasse sitzen haben, auf das diese Beschreibungen zutreffen.

Tipps zum Umgang mit Kindern mit einer sekundären Neurotisierung

Frühe Diagnosestellung

Zuallererst: Eine frühe Diagnostik, am besten am Ende der zweiten Klasse, kann viel bewirken. Wenn das Kind frühzeitig die benötigte Hilfe und Förderung bekommt, zu einem Zeitpunkt, wo seine verminderten Leistungen im Vergleich zu den anderen Kindern noch nicht so gravierend sind, verhindert, dass sich Selbstzweifel und eine Dauerschleife von Misserfolgserlebnissen verfestigt. Scheuen Sie sich daher nicht, bei Zweifeln an den Ursachen der Lernschwierigkeiten eine Legasthenie- bzw. Dyskalkulie-Diagnostik anzuraten. Mehr zu den Symptomen können Sie in unserem Blog nachlesen: Symptome einer Legasthenie oder Symptome einer Dyskalklulie.

Selbstwert aufbauen durch Ermutigung

Eine wesentliche Ursache der Neurotisierung liegt in dem mangelnden Selbstwertgefühl der Kinder. Aufgrund ihrer anhaltenden Misserfolgserlebnisse, der Skepsis und Ungeduld, die sie in ihrem Umfeld oft erleben und der verunsichernden Erfahrung, dass um sie herum alle mit viel weniger Mühe viel schneller lernen können, entwickeln sie eine große Unsicherheit sich selbst und ihrer Leistungsfähigkeit gegenüber.

Die Kinder brauchen Ermutigung und Menschen an ihrer Seite, die daran glauben, dass es das Lesen, Schreiben und Rechnen tatsächlich auch lernen kann. Hier hilft es auch, die Bemühungen des Kindes zu würdigen und nicht nur das richtige Ergebnis.

Erfolgserlebnisse fördern

Wenn die Erfolge in Deutsch und/oder Mathematik ausbleiben, ist es wichtig für alternative positive Rückmeldungen zu sorgen. Es dem Kind zu ermöglichen, gute Leistungen in Sport, Kunst oder Musik zu erbringen, kann je nach Veranlagung helfen. Vielleicht traut sich das Kind auch zu, einen verantwortungsvollen Posten in der Klassengemeinschaft zu übernehmen? Überlegen Sie gemeinsam mit dem Kind und ggf. den Eltern, wo das Kind seine Leistungsfähigkeit positiv und stabil erleben kann und unterstützen Sie es darin.

Förderung

Wie Sie vermutlich aus eigener Erfahrung wissen, reicht binnendifferenzierter Unterricht nicht aus, um den Förderbedarf  eines Kindes mit einer Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung zu decken. Je nach Ausprägung, ist es wichtig dem Kind einen schulischen Förderplatz anzubieten oder eine außerschulische Förderung  anzuregen.

Maßnahmen des Nachteilsausgleichs

Der LRS-Erlass wurde geschaffen, um die Nachteile, die die Kinder durch ihre Lernschwäche haben, auszugleichen, nicht dafür, sie zu bevorzugen. Setzen Sie die gegebenen Möglichkeiten daher ein, um dem Kind die benötigte Entlastung zuzugestehen. Viele Kinder reagieren hierauf schon mit einem spürbaren Rückgang ihrer Schulangst.

Unterstützernetzwerk schaffen

Holen Sie sich selbst Unterstützung, in Form von Elterngesprächen, dem Schulpsychologen, dem Jugendamt und/oder engagierten außerschulischen Lerninstituten. Je besser die einzelnen Stellen miteinander arbeiten, desto effizienter kann dem Kind geholfen werden. Gerade der Lehrkraft kommt hier eine wichtige Rolle zu, da Sie das Kind, sein Lernverhalten und seine Leistungen besonders gut kennen.

Informierte Schule

Lehrkräfte, die zu den Themen Legasthenie und Dyskalkulie gut informiert oder fortgebildet sind, fällt es oft leichter, mit Verständnis auf die besonderen Belange der Kinder einzugehen. Nehmen Sie hierzu schulische Fortbildungsmöglichkeiten wahr und/oder regen Sie diese an. Eine Schule mit einem transparenten und kohärenten LRS-Förderkonzept ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn.

 

Wir hoffen, diese Anregungen können Ihnen in Ihrem Schulalltag weiterhelfen. Bei Interesse an einer schulinternen Fortbildung zu den Themen LRS/Legasthenie und Dyskalkulie sprechen Sie uns gerne an.

Es grüßt herzlich,

Ihre Jennifer Bubolz

 

Quellen:

Fischbach, A., Schuchardt, K. (et al) (2010). Zeigen Kinder mit schulischen Minderleistungen sozio-emotionale Auffälligkeiten? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie.

Sindelar, Brigitte (2008). Partielle Entwicklungsdefizite der Informationsverarbeitung: Teilleistungsschwächen als Ursache kindlicher Lern- und Verhaltensstörungen.